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Deutscher Weinbau unter Druck: Immer mehr Betriebe vor der Insolvenz
Wer die Feiertage oder den Start ins neue Jahr mit einem Glas Wein oder Sekt von einem deutschen Weingut beging, hielt dabei ein lebendiges Stück Kulturgut in den Händen. Seit Jahrhunderten prägt der Weinbau die Regionen und Landschaften an Rhein, Mosel, Neckar oder Main, Wein gilt als Traditionsprodukt der deutschen Landwirtschaft. Doch die Lage der Erzeuger ist dramatisch: Der deutsche Weinbau steht unter erheblichem Druck, der sich für viele Winzer längst zur Existenzfrage entwickelt hat. In seinem heutigen Ausblick auf die Entwicklung der Agrarmärkte im gerade begonnenen Jahr weist das Branchenmagazin agrarheute wieder auf diese „historische Krise“ hin: Die wirtschaftliche Situation der deutschen Winzer ist demnach hochgradig angespannt, obwohl der Jahrgang 2025 Spitzenweine aus deutscher Produktion verspricht.
Die Misere ist das Resultat einer Vielzahl von Faktoren, deren Auswirkungen in ihrer Gesamtheit ein äußerst schwieriges Umfeld schaffen. Einerseits spüren die Winzer die Auswirkungen des Klimawandels, der den regional typischen Rebsorten häufig zusetzt und die Winzer zur Anpassung ihrer Anbaumethoden zwingt. Im schlimmsten Fall müssen sie sogar alte, beim Konsumenten beliebte Traditionsreben durch neue, resistentere Sorten ersetzen. Zudem sinkt die Nachfrage, da der Alkoholkonsum insgesamt zurückgeht. Insbesondere die jüngere, gesundheitsbewusste Generation verzichtet grundsätzlich auf Alkohol, während die älteren Hauptzielgruppen den Konsum reduzieren. Während die Erzeuger auf derartige Entwicklungen mit neuen, der Marktlage angepassten Produkten wie leichteren oder alkoholfreien Weinen oder der Umstellung auf Bio-Produktion reagieren können, gibt es im Hinblick auf die schwierige Wirtschaftslage keine einfachen Rezepte. Die deutsche Weinwirtschaft litt in den vergangenen Jahren unter der allgemein komplizierten wirtschaftlichen Situation, die sich aus Inflation, steigenden Energiepreisen und höheren Löhnen ergibt. Die in den vergangenen Jahren gestiegenen Kosten wirken dauerhaft nach, energieintensive Arbeitsschritte wie Keltern, Kühlen, Abfüllen und Lagern bleiben ebenso teuer wie der Einkauf von Glasflaschen oder alternativen Verpackungslösungen und die Logistik. Gleichzeitig erhöhen steigende Löhne und der höhere Mindestlohn vor allem die Kosten für Saison- und Handarbeit, die insbesondere in den Steillagen unverzichtbar ist. Wegen der Zurückhaltung der Konsumenten und des Imports günstigerer, aber qualitativ durchaus hochwertiger Weine aus dem europäischen Ausland können viele Betriebe diese Mehrbelastungen nur begrenzt an den Markt weitergeben. Die Folge sind sinkende Margen, Investitionsstau und zunehmende wirtschaftliche Unsicherheit. Für zahlreiche Winzerinnen und Winzer wird es somit immer schwieriger, kostendeckend zu arbeiten. So prognostizierte agrarheute bereits zum Start der letzten Weinleseperiode, dass 50 bis 60 Prozent der deutschen Winzer von Insolvenz bedroht sind. Die Appelle der Interessenvertreter richten sich entsprechend an die Politik mit der Forderung nach Maßnahmen, unter anderem zur Stärkung der Exporte, aber auch zur Begrenzung der einheimischen Produktion - gezielten, politisch unterstützten Abbau von Überkapazitäten, um den Markt zu stabilisieren. Dazu zählen die Reduzierung von Rebflächen durch Rodungsprogramme sowie eine Begrenzung der Erträge pro Hektar. Gefragt sind hier die Gesetzgeber auf EU- und Bundesebene, aber auch die Länder. Rheinland-Pfalz als ertragsstärkstes Bundesland geht hier mit dem im vergangenen Jahr aufgelegten Paket „Weinbaupaket 2025+“ mit gutem Beispiel voran, das den Winzern mit Maßnahmen zu Absatzförderung und Bürokratieabbau unter die Arme greifen will. Die für den Weinbau zuständige Ministerin Daniela Schmitt verweist auf die Chancen: „Weniger Masse, dafür mehr Profil und internationale Wettbewerbsfähigkeit. Für junge Betriebsnachfolgerinnen und -nachfolger bleibt der Weinbau ein attraktives Feld mit Tradition, Innovationskraft und touristischem Potenzial.“
„Bei einem erheblichen Teil gerade kleinerer Produzenten fehlt die Substanz, um sich an die veränderten Marktbedingungen anzupassen. Wenn nicht einmal die laufenden Kosten gedeckt werden und die Winzerfamilien keinen angemessenen Erlös aus ihrer Arbeit erzielen können, kann man als externer Berater eigentlich nur die Geschäftsaufgabe oder eine grundsätzliche Neuausrichtung - beispielsweise in Richtung Tourismus - empfehlen“, so die Einschätzung von Dr. Holger-René Bruckhoff, Rechtsanwalt, Fachanwalt für Insolvenz- und Sanierungsrecht und Insolvenzverwalter. Laut agrarheute decken die Verkaufspreise die Produktionskosten tatsächlich vielfach längst nicht mehr: Im Jahr 2024 erhielten Winzer teils nur noch 60 Cent pro Liter, im vergangenen Jahr fiel der Preis weiter auf 40 Cent, dagegen stehen Produktionskosten von 1,20 Euro je Liter bei solchen Fassweinen. „Anders sieht es aus, wenn die Betreiber der Weingüter sich vielleicht in den letzten Jahren bereits um eine wirtschaftlich gesunde Aufstellung ihrer Betriebe gekümmert haben und beispielsweise auf die Eigenvermarktung besonders hochwertiger Produkte auch im alkoholfreien Bereich setzen.“ Auch wenn die Ausgangslage in solchen Fällen eine andere ist, stehen diese Betriebe angesichts der allgemeinen Wirtschaftslage ebenfalls unter Anpassungsdruck. „Zwar scheint das Hinzuziehen externer Expertise zunächst wie ein zusätzlicher Kostenfaktor, doch eine gründliche Analyse des Betriebs kann die nötigen Impulse zur Restrukturierung bringen, die Kostenseite optimieren und den Betrieb durch eine gezielte Investitionsplanung weiter zukunftsfähig aufstellen“, ergänzt Linda Nowak, Rechtsanwältin und Insolvenzverwalterin. „Der Weinbau bestimmt ganze Landschaften, auch in unserer direkten Umgebung - das sieht man schon südlich von Köln im Siebengebirge, aber natürlich umso mehr im Nachbarland Rheinland-Pfalz -, ein schützenswertes Kulturgut. Als Fachleute für Restrukturierung freuen wir uns, am Erhalt solcher Betriebe mitwirken zu können.“
Quellenhinweise:
agrarheute, Agrarmärkte Ausblick 2026 vom 5.1.2026: „Verband: Getreidebauern und Schweinehalter werden 2026 Verluste machen - Die Preise für Weizen, Mais und Raps decken die Kosten nicht. Zudem steckt der deutsche Weinbau in der größten Krise seit Jahrzehnten.“
agrarheute, Weinbau vom 29.8.2025: „Weinbau steckt tief in der Krise - Hälfte der Winzer droht das Aus“
Rheinland-Pfalz, Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau: „Schmitt legt Weinbaupaket 2025+ vor: „Ohne Weinbau wäre Rheinland-Pfalz nicht Rheinland-Pfalz""

