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Insolvenzen weiter auf hohem Niveau, VID mahnt Differenzierung bei der Einordnung an

Laut den im monatlichen „Insolvenztrend“ des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) veröffentlichten Zahlen erreichten die Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften in Deutschland im zweiten Quartal 2025 den höchsten Stand seit 2005. Insgesamt wurden 4.524 Insolvenzen verzeichnet, was einem Anstieg von 7 Prozent gegenüber dem ersten Quartal entspricht. Im Juni 2025 sank die Zahl der Insolvenzen zwar leicht um 4 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Der Wert liegt jedoch 23 Prozent höher als im Juni 2024 und 50 Prozent über dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019.

Auch die durch Insolvenzen verursachten Arbeitsplatzverluste lagen im Juni bei etwa 16.000, gemessen an den größten zehn Prozent der insolventen Unternehmen. Dies entspricht einem Anstieg um 68 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat und um 43 Prozent gegenüber dem Durchschnitt der Vor-Corona-Jahre, wie das IWH berichtet. Insgesamt waren im zweiten Quartal rund 45.000 Arbeitsplätze betroffen - etwas weniger als im vorausgegangenen Quartal, aber immer noch ein hohes Niveau.

In ihrem Rückblick auf das erste Halbjahr sieht die Wirtschaftsauskunftei Creditreform die Insolvenzzahlen auf einem Zehnjahreshoch. Laut Bericht befindet sich die deutsche Wirtschaft weiterhin in einer Rezession, was zu einem deutlichen Anstieg der Insolvenzen führte. So wurden im ersten Halbjahr 2025 11.900 Unternehmensinsolvenzen registriert, was einem Plus von 9,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht. Bereits 2024 war ein Anstieg um 28,5 Prozent zu verzeichnen. Besonders der Mittelstand und größere Unternehmen verzeichnen Zuwächse bei Insolvenzen. Im Segment der mittelständischen Unternehmen mit 51 bis 250 Beschäftigten stiegen die Insolvenzen um überdurchschnittliche 16,7 Prozent. Auch bei größeren Unternehmen mit einem Umsatz ab 5 Millionen Euro haben sich die Insolvenzen im Vergleich zum Zeitraum vor der Pandemie mehr als verdoppelt.

Diese Entwicklung wird durch die modernen Möglichkeiten des deutschen Insolvenzrechts begünstigt, das stark auf die Sanierung krisenhafter Unternehmen ausgerichtet ist. Vor allem größere Unternehmen nutzen diese rechtlichen Optionen zunehmend, um sich im Zuge einer Insolvenz neu zu strukturieren und wettbewerbsfähig zu bleiben.

VID mahnt seriöse Einordnung der Zahlen an

Das Statistische Bundesamt weist in den vorläufigen Zahlen für den Juni 2025 einen leichten Anstieg um 2,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat aus. Der Verband der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID) betont in diesem Zusammenhang, dass nicht alle beantragten Insolvenzverfahren auch tatsächlich eröffnet werden. In der Regel liege die Eröffnungsquote bei etwa 60 Prozent.

Hinsichtlich der veröffentlichten Zahlen und der daraus abgeleiteten Meldungen einer „Insolvenzwelle” weisen die Experten auf die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung hin. Zwar liegen die Zahlen über den durch Stützungsmaßnahmen und Niedrigzinsen bedingten niedrigen Insolvenzzahlen der letzten Jahre, jedoch weiterhin deutlich unter dem Niveau aus den Krisenzeiträumen der 2000er Jahre, als die Jahreswerte teils die Marke von 30.000 Insolvenzen pro Jahr überschritten haben.

Der VID weist in seiner Stellungnahme darauf hin, dass Insolvenzen ein nachlaufender Indikator sind und wirtschaftliche Erholungen sowie politische Maßnahmen wie Konjunkturpakete erst zeitverzögert abbilden können. Trotz positiver Impulse wie dem „Investitionsbooster” ist noch kein deutlicher Rückgang der Insolvenzen zu verzeichnen.

Zudem stehen einige Branchen, wie der Automotive-Sektor und der Einzelhandel, vor strukturellen Herausforderungen, die oft mit überholten Geschäftsmodellen zusammenhängen. Ein Anstieg der Insolvenzen ist in Zeiten des ökonomischen Umbruchs nicht ungewöhnlich und kann sogar eine notwendige Entwicklung im Hinblick auf die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft sein.

Der VID plädiert deshalb für eine faktenbasierte Analyse statt pauschaler Alarmmeldungen, um gezielte Maßnahmen zur Stärkung der Wirtschaft zu entwickeln. Trotz der Herausforderungen erreicht der DAX ein Allzeithoch, was das Vertrauen der Investoren in den deutschen Markt unterstreicht. Auch die Experten des IWH verweisen weiterhin auf den Zinsanstieg, den Wegfall staatlicher Hilfen und die daraus resultierenden Nachholeffekte bei den Insolvenzen.

Quellenhinweise:
Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Pressemitteilung 20/2025: „IWH-Insolvenztrend: Höchstwert bei Insolvenzzahlen im zweiten Quartal trotz leichtem Rückgang im Juni"
Creditreform, Pressemeldung vom 26. Juni 2025: Insolvenzen in Deutschland, 1. Halbjahr 2025
Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 254 vom 11. Juli 2025, „Beantragte Regelinsolvenzen im Juni 2025: + 2,4 % zum Vorjahresmonat
Verband Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands e.V. (VID), Pressemitteilung 11.7.2025, „Unternehmensinsolvenzen im Juni 2025: Insolvenzverwalterverband spricht sich für eine differenzierte Einordnung aus

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