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Krise in der Automobilbranche - weiter steigende Insolvenzzahlen erwartet
Die schwierige wirtschaftliche Lage belastet auch im neuen Jahr die deutsche Vorzeigebranche Automobilindustrie. Der Mix aus Technologiewandel hin zur Elektromobilität und steigenden Energie- und Rohstoffpreisen trifft die renommierten deutschen Hersteller hart. Hinzu kommt die Kaufzurückhaltung der Verbraucher, insbesondere der Absatz von Elektroautos bleibt weit hinter den Erwartungen zurück. Zusätzlich verschärft wird die Situation durch die wachsende Konkurrenz aus dem Ausland und die Verunsicherung durch die von den USA angekündigten Strafzölle.
Die vielfältigen Probleme wirken sich unmittelbar auf die ohnehin durch die Transformation belastete Zulieferindustrie aus. Laut einer Studie der Falkensteg Holding zu Großinsolvenzen - dazu zählen Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 10 Mio. Euro - gehörten die Automobilzulieferer im vergangenen Jahr mit einem Plus von 65 Prozent zu den am stärksten von Insolvenzen betroffenen Branchen, jede sechste Insolvenz betraf einen Automobilzulieferer.
Wie aktuell der Presse zu entnehmen war, bleiben auch Branchengrößen wie Thyssenkrupp Automotive Technology oder Bosch nicht von Schwierigkeiten verschont. Weitere Stellenstreichungen sind angekündigt, auch andere führende Hersteller wie ZF Friedrichshafen und Continental planen die Schließung deutscher Standorte. Während sich diese breit aufgestellten Unternehmen jedoch durch interne Maßnahmen wie Restrukturierung, Standortverlagerung und Stellenabbau behaupten können, sind stärker spezialisierte Automobilzulieferer weiterhin akut in ihrer Existenz bedroht.
Betroffen sich nicht nur Hersteller, deren Produktpalette durch den Wandel zur Elektromobilität vom Markt verschwindet, die Krise trifft auch Hersteller von antriebsunabhängigen Produkten, wie die Insolvenzen des inzwischen von einem Investor übernommenen Autositzherstellers Recaro Automotive oder des in der Sanierung befindlichen Wuppertaler Metall- und Kunststoffteileproduzenten WKW.group im vergangenen Jahr zeigen. Dies deutet auf strukturelle Defizite in der Branche hin. Das Problem liege nicht, wie oft suggeriert, allein im Transformationsprozess weg vom Verbrennungsmotor - im Gegenteil, die Hersteller hätten zu lange am Verbrennungsmotor festgehalten, so Guillaume Dejean, Senior Branchenexperte bei Allianz Trade, in einer Pressemitteilung zu einer Studie über die europäische Automobilindustrie. Die Hersteller müssten den Weg aus der Krise finden - ein Balanceakt, denn trotz knapper Kassen seien jetzt Investitionen gefragt. Er sieht auch die Politik in der Pflicht und verweist unter anderem auf den notwendigen Ausbau der Ladeinfrastruktur, die Förderung der Batterieproduktion und neue Kaufanreize, bringt aber auch Zölle ins Spiel, die die lokale Produktion fördern könnten.
Steigende Insolvenzzahlen auch für das laufende Jahr prognostiziert
Der Blick auf die Entwicklung der Insolvenzen zeigt, dass die Mahnungen angebracht sind und der Handlungsbedarf dringend ist. Gerade in den letzten Tagen gab es erneut Berichte von Insolvenzen aus der Branche, betroffen sind aktuell die Boryszew Kunststofftechnik Deutschland, Tochter der polnischen Boryszew Group mit Standort in Sachsen-Anhalt sowie die Sonnplast Solutions GmbH aus Thüringen, ebenfalls ein Produzent von Kunststoffteilen. Es geht um insgesamt bis zu 650 Arbeitsplätze, beide Firmen kämpfen lt. Berichten schon länger mit Herausforderungen des Technologiewandels.
Als Ursache für die Insolvenzen wird immer wieder der schleppende Technologiewandel genannt: das Auslaufen von Produktionen für Verbrenner kann aufgrund der schwachen Nachfrage nach E-Fahrzeugen nicht hinreichend durch Neugeschäft ausgeglichen werden.
Entsprechend ist auch im Ausblick auf das laufende Jahr keine Beruhigung zu erkennen. Falkensteg erwartet einen weiteren Anstieg der Insolvenzen um 20 bis 25 Prozent, überproportional betroffen werden nach Auffassung der Experten neben dem Immobilienbereich, dem Maschinenbau und dem Gesundheitssektor weiter die Automobilzulieferer sein.
Dr. Holger-René Bruckhoff verweist auf die jüngsten Beschlüsse aus Brüssel - auf europäischer Ebene werde nach Wegen gesucht, die Branche vor Milliardenstrafen wegen verfehlter Klimaziele zu bewahren. „Wichtiger sind aber konkrete Maßnahmen zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit der Branche, die von der Politik unterstützt werden können. Aber letztlich sind da aus meiner Sicht die Hersteller am Zuge. Es fehlen bezahlbare Modelle, die in großen Stückzahlen verkauft werden können. Das hilft dann auch den Teileherstellern wieder auf die Beine.“
Quellenhinweise:
FalkenSteg, Presseinformation vom 6.1.2025, „Großinsolvenzen 2024: Ein Plus von 30 Prozent / Klima der Unsicherheit“
AllianzTrade, Pressemitteilung vom 17.2.2025, „Allianz Trade Studie zur deutschen Automobilindustrie: Wege aus der Krise“

